Konzentration und Selbstbeherrschung

Viele Trainingsmöglichkeiten, nicht nur beim Obedience, erfordern von Hund und Hundehalter ein gewisses Maß an Konzentration und Selbstbeherrschung. Beides ist gerade für Hunde die sich in einer hohen Trieblage befinden, nicht einfach. Wenn du einen solchen Hund hast, solltest du dies unbedingt üben, denn sonst wirst du beim Üben der Geruchshölzchen für Klasse 2, beim Richtungsapport für Klasse 2 und 3, sowie auch bei der Box schnell scheitern, denn dann wird dein Hund spätestens in Klasse 2 nicht am Pylo warten, bis du das Kommando zum Apportieren gibst, sondern wird sich das Apportel gleich holen. Selbst wenn er wartet, wird er auf dem kürzesten Weg zu dem Apportel laufen, das ihm als erstes ins Blickfeld gerät und nicht auf deine Richtungsanweisung warten. Oder er wird in Klasse 3 gar nicht erst am Pylo stoppen. Mal ganz davon abgesehen, dass wirklich triebige Hunde die diese Art der Selbstbeherrschung nicht gelernt haben, nicht nur lästig für den Ringsteward sein können, dem sie versuchen das Apportel zu klauen, sondern sich dann vielleicht sogar am Ringsteward-Tisch selbst bedienen. Für den ein- oder anderen mag sich das jetzt nach purer Übertreibung anhöhren, ist es aber nicht, kann ich aus eigener Erfahrung sagen :-).

Hinweis

Prinzipiell gilt beides auch für den Hundeführer. Auch du solltest dich natürlich darauf konzentrieren, was du übst und wie du übst. Ich habe mir beim Training in meinem Verein angewöhnt, den Hundeführern, mit denen ich übe, vor der Übung kurz zu erklären, was der Hund tun soll, was der Hundeführer machen soll, wenn der Hund das macht und auch, was er tun soll, wenn der Hund bestimmte Fehler macht. So ein kurzes „Briefing“ vorab, ist wirklich hilfreich, denn es reduziert die  Anzahl der Versuche, wo der Hundeführer falsch reagiert. Und in Gedanken, kannst du das natürlich auch vor jeder Übung alleine machen. Und Selbstbeherrschung ist natürlich auch für den Hundeführer eine gute Sache. Die wenigstens Hunde haben noch Bock zu arbeiten, wenn der Hundeführer sauer ist. Das ist leider etwas, wo ich bei mir auch dran arbeiten muss :-)

Was der Hund lernen sollte

Ganz wesentlich ist, dass du deinem Hund beibringst, dass er auch in Sichtweite seines Lieblingsspielzeugs oder mit seinem Lieblingsleckerli vor der Nase, seine Arbeit macht und zwar so gut und konzentriert, dass er sich damit das Spielzeug oder Leckerchen verdient. Dein Hund muss zu der Erkenntnis kommen:

  • auch wenn ich mir mein Spielzeug einfach holen könnte, lohnt es sich, darauf zu warten, bis ich darf (denn dann kommt vielleicht noch was besseres ….)
  • ich komme an mein Ziel (Spielzeug/Leckerchen) wenn ich tue, was  von mir verlangt wird
  • je besser ich mitarbeite, desto schneller erreiche ich mein Ziel

Aus Sicht des Hundesführers braucht der Hund also:

  • Selbstkontrolle, um sich nicht selbst zu bedienen
  • Gehorsam, um ihn in den Status der Selbstkontrolle versetzen zu können
  • Konzentration, um sich trotz sichtbarem/verfügbarem Triebmittel auf die Übung konzentrieren zu können

Beispiel

Wenn du bspw. die Box übst, muss der Hund lernen sich von dir zu entfernen und in die Box zu laufen. Und zwar auch dann, wenn er dich ungern verlässt oder wenn er weiß, sein Lieblingspielzeug bzw. Leckerchen ist bei dir. Er wird sich sonst von dir nicht entfernen, solange er nicht in der Box ein Ziel hat, das ihm wichtiger ist, als das, was ihn hindert sich von dir zu entfernen. Und genau hier gibt es ein Problem. Klar kannst du ihm sein Lieblingsspielzeug in die Box legen. Aber wenn der Trieb auf das Spielzeug oder vielleicht sein Lieblings-Leckerchen zu hoch ist, wird er schnurgerade dort hinlaufen. Auf den ersten Blick sieht das gut aus. Das Problem ist aber, er wird die Box als solche nicht wahrnehmen und daher später die Box nicht finden. Denn er hat nur gelernt zu seinem Triebziel zu laufen, aber nicht, das ZIel mit den Augen zu suchen, in dem er die Box erkennt und anläuft. Du kommst also nicht umhin, deinen Hund zu animieren in die Box zu laufen, ohne dort sein Lieblingsspielzeug zu platzieren. Ganz im Gegenteil, du musst ihn animieren sich von dir zu entfernen, obwohl er das eigentlich nicht will. Das heißt, der Hund muss gelernt haben, das Laufen in die Box ist nur Mittel zum Zweck, um sich sein Triebmittel zu verdienen.

Basis für alle diese Anforderungen ist, dass der Hund sich konzentrieren kann. Das kannst du auch schon mit einem kleinen Welpen üben. Du musst ja nicht 20 Minuten am Stück üben, aber wenn du mit 8 Wochen beginnst und ein paar Mal am Tag anfangs 1 Minute, später 2 oder 3 Minuten mit ihm übst, dehnst du damit automatisch die Zeitspanne aus, die er sich konzentrieren muss. Aber pass auf, dass du deinen Welpen nicht überforderst.

Hinweis

Natürlich musst du auch bei einem erwachsenen Hund aufpassen ihn nicht zu überfordern. Wenn du bisher nicht viel mit deinem Hund gemacht hast, können auch für einen erwachsenen Hund schon 5 Minuten sehr viel sein. Beobachte ihn gut, um festzustellen, wenn er sich nicht mehr motivieren lässt, sich zu konzentrieren. Übe dann lieber öfter am Tag kurze Einheiten.

Konzentrationsübungen

Bevor du trainieren kannst, dass dein Hund sich beherrscht, auch mit dem Triebziel vor seinen Augen, solltest du Konzentration mit deinem Hund trainieren. Dazu gibt es verschiedene Übungen. Ein paar Ideen sind folgende:

Übung 1:

Bring deinen Hund in die Sitz-Position und stelle dich davor. Animiere ihn dazu, dich anzusehen, bspw. indem du ihm ein entsprechendes Kommando („Schau“ oder „Guck“) gibst, dass du natürlich vorher mit ihm trainiert haben solltest. Bestätige den Hund, wenn er den Blickkontakt 10 Sekunden hält. Guckt er vorzeitig weg, gibt ein Abbruchkommando (ein negatives) oder ignoriere dies und beginne die Übung von vorn.  Dazu solltest du dann auch den Hund neu absetzen und dich neu vor dem Hund positionieren. Klappt das mit den 10 Sekunden, wiederhole die Übung mit 20 Sekunden, 30 Sekunden etc.

Achtung

Wichtig ist, dass es sich für den Hund auch lohnt den Blickkontakt zu halten. Wenn du ihn dafür mit einem Leckerchen abspeist, er aber genau weiß, dass du sein Lieblingsspielzeug hast, das er viel lieber hätte, wird der Hund schnell frustriert sein, denn er will mit dem Blickkontakt sein Ziel erreichen und das ist sicherlich immer die höherwertige Bestätigung. Daher ist es wichtig die Rangfolge der Bestätigungen deines Hundes zu kennen. Du kannst aber auch, je länger der Hund den Blickkonakt hält, die Bestätigung entsprechend höherwertiger wählen. Dann wird dein Hund ganz schnell lernen, je länger er sich konzentriert, desto schöner ist die Belohnung.

Übung 2

Setze oder lege den Hund ab und gib ihm die Anweisung Blickontakt zu halten. Gehe nun vor dem Hund etwas auf und ab. Steigere die Länge die der Hund dich mit den Augen verfolgen muss, bis er sich die Belohnung verdient hat.

Übung 3

Dein Hund sollte dafür schon die Fuß-Position beherrschen. Wenn das der Fall ist, starte mit einer Grundstellung (der Hund sitzt links, gerade neben dir mit seiner Schulter auf Höhe deines Knies). Fordere ihn auf Blickkontakt aufzunehmen, gehe mit dem Kommando „Fuß“ an, exakt einen Schritt und mache eine neue Grundstellung. Bestätige den Hund, wenn er während des Angehens, dem Schritt und der neuen Grundstellung durchgängig Blickkontakt hält. Beginne die Übung neu, wenn der Hund zwischendrin den Blick abwendet. Klappt das mit einem Schritt, dehne die Übung nach und nach auf 2, 3 und noch mehr Schritt aus.

Hinweis

Wichtig ist, dass du zunächst in einer Umgebung mit wenig Ablenkung beginnst. Später kannst du die Übungen dann auch unter Ablenkung machen. Dann solltest du aber ruhig noch mal ein paar Schritte zurückgehen.  Schafft dein Hund bspw. in ruhiger Umgebung 2 Minuten Blickkontakt zu halten, beginne unter Ablenkung wieder bei 10 Sekunden und dehne dies aus.

Tipp

Wenn du schon etwas fortgeschrittener bist und dein Hund ein paar der Übungen beherrscht, kannst du die natürlich auch kombinieren.

Übung 4

Für diese Übung sollte dein Hund schon etwas fortgeschrittener sein und ein paar Übungen können. Es geht darum, dass der Hund lernt, dir zuzuhöhren. Nach einer Weile, wenn das Training und die Übungen zur Routine werden, höhren Hunde nicht mehr zu. Sie konzentrieren sich dann nicht mehr auf das, was du sagst, sondern arbeiten die Übungen anhand der Situation ab. Stellst du dich bspw. in Richtung „Box“ und gibst ein Kommando, läuft der Hund in die Box, denn er weiß, so stehst du nur, wenn jetzt die Übung „Box“ kommt. Sie laufen dann aber auch in die Box, wenn du vielleicht ganz was anderes gesagt hast und genau das, übst du jetzt. Bspw.

  • mache eine Grundstellung vor der Hürde. Wenn du für Klasse 1 trainierst, gehe nun auch auf die andere Seite der Hürde. Statt jetzt aber das Kommando für den Sprung über die Hürde zu geben, sag was anderes, bspw. „Platz“ oder „Steh“.
  • schicke den Hund zum Kegel und lasse ihn dort wie gewohnt stehen. Gib ihm am Kegel Kommandos für die Distanzkontrolle.
  • Positioniere deinen Hund vor den Geruchshölzchen, die jemand auslegt und sorge dafür, dass die Übung in der Nähe der Hürde ausgeführt wird. Statt den Hund jetzt zu den Geruchshölzchen zu schicken, positionierst du ihn nun vor der Hürde und lässt ihn über die Hürde springen.

Das sind wohlgemerkt nur Ideen, die du abhängig vom Ausbildungsstand deines Hundes anpassen solltest. Wichtig ist, dass du den Hund überraschst, das eben nicht das Kommando kommt, das er erwartet, sondern etwas anderes. Und bestätigt wird der Hund natürlich nur dann, wenn das gegebene Kommando korrekt ausführt.

Bedenke auch, ob das das richtige für deinen Hund ist. Jeder Hund ist anders. Es gibt Hunde die brauchen Routine, also immer gleiche Abläufe weil sie sonst unsicher sind und Streß haben. Bei solchen Hunden solltest du diese Übung mit Vorsicht einsetzen. Überlege auch vorab, wie du genau diese Übungen gestaltest. Wenn dein Hund  gerade erst gelernt hat, sich in die Grundstellung zu setzen, wenn du stehen bleibst, wäre des natürlich kontraproduktiv, das statt des eventuell sonst noch zusätzlich gegebenen Kommandos „Sitz“ jetzt ein „Platz“ kommt. Das würde den Hund bei diesem Ausbildungsstand nur verwirren.

Tipp

Das ist im übrigen auch eine gute Sache, um das Training für den Hund interessanter zu machen, so dass er nicht auf Prüfungen ein vorgegebenes Programm abspult, sondern dann die prüfungskonformen Übungen für den Hund nicht die 1000ste Wiederholung der Übungsstunden sind.

Übung 5

Trainiere die vorstehenden Übungen unter erhöhter Ablenkung mit anderen Hunden und Personen auf dem Platz und lass ruhig die anderen Personen mal zwischendurch Kommandos geben, klatschen oder über den Platz rennen. Wenn dein Hund Konzentration gelernt hat, sollte er die Übungen auch dann noch ausführen. Ansonsten trainierst du unter dieser Ablenkung wie vorher ohne Ablenkung auch, bis das klappt.

Wenn die Konzentrationsübungen klappen, kannst du beginnen, die Selbstbeherrschung deines Hundes zu trainieren.

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2 Gedanken zu “Konzentration und Selbstbeherrschung

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